Gut sichtbar prangt er an der Wand. Glücklicherweise nur für die Person, die den Raum bewohnt. Das Motiv des Flecks taucht als Symbol für Schuld und Makel an den Händen von Lady Macbeth oder als Zeichen für einen lächerlichen Riss in der Welt in Büchners Leonce und Lena auf. In Wo sind denn alle? des Autorenduos Emil Borgeest und Leo Meier versuchen vier Nachbar*innen, schamhaft den Wasserfleck loszuwerden. Unberufen kommt Olaf Meier, der fast 30 Jahre die Telefonseelsorge Duisburg / Mülheim / Oberhausen geleitet hat, in unsere kleine Gesellschaft. Vielleicht kann er uns dabei helfen, mit dieser verdammten Einsamkeit umzugehen.
Nach den Publikumserfolgen zwei herren von real madrid und fünf minuten stille schreibt Leo Meier nun zusammen mit Emil Borgeest ein neues Stück für das S.T.M. Gemeinsam mit dem Ensemble stellen sie zentrale Fragen unserer Zeit:
Wie entsteht Gemeinschaft? Wie entsteht Einsamkeit? Und: Wo sind denn alle?
Wer denkt, dass auf der Moerser Bühne ein Trauerspiel seinen Lauf nimmt, der irrt. Es dauert keine Minute, bis im Publikum gekichert wird. Und das bleibt auch so. Abgesehen von den optisch und schauspielerisch aberwitzig gezeichneten Figuren, wird das ernste Thema auch in urkomische Dialoge verpackt. Aus dem Gemeinschaftswerk liest man die Handschrift von Leo Meier, der die Gabe hat, lakonische Sprache zwischen Witz und Trostlosigkeit changieren zu lassen. Offenbar ist er, was Stil, Sprachgefühl und Humor betrifft, mit Emil Borgeest auf einer Wellenlänge. Im Stück schwingt selbst dann ein fast zärtlicher Unterton und ein Hauch von Zuversicht mit, wenn sich Wut oder Traurigkeit voller Wucht entladen. Es ist ein Wechselbad: Erst lacht man über groteske Szenen wie die, als Matthias Heße als neugieriger Mieter mit gewieften Fragen etwas über das XXL-Paket seines Nachbarn erfahren möchte. Dann hört man Letzteren nach einer Gefühlsexplosion voller Schmerz „Wo ist ein guter Freund, der mich in den Arm nimmt?“ rufen. Wie Linus Ebner diesen zwischen Wahn und Schwermut Taumelnden spielt, ist grandios. Überhaupt: Das ganze Ensemble ist fantastisch. Sie alle haben ein so gutes Gespür für den Ton des Textes, dass die Gratwanderung zwischen Spaß und Ernst gelingt und es stets lustig, aber nicht albern ist.
Julia Plaschke, Die Deutsche Bühne, 27.02.2026
Leo Meier und Emil Borgeest beschäftigen sich mit einem zentralen Problem unserer Gesellschaft. Dem Fehlen von Begegnungen, der wachsenden Vereinzelung, der Soziophobie, die daraus entstehen kann. Es gibt viele leise Pointen und skurrile Momente in diesem Stück. Leo Meier ist – nicht nur in seinem auf vielen Bühnen gespielten Hit „Zwei Herren von Real Madrid“ – ein Autor, der Tiefgang mit Unterhaltung, Probleme mit Witz verbindet. „Wo sind denn alle?“ ist ein sympathisches, 80 Minuten kurzes Stück, das viel anreißt und dem ausgezeichneten Ensemble des Schlosstheaters Moers große Spielräume gibt.
Stefan Keim, Theater der Zeit, 27.02.2026
Meier und Borgeest schaffen es in ihrem neuen Stück auf unnachahmliche Weise, Tragik und Komik, Slapstick und Schwermut miteinander zu kombinieren. Der mit einer absurden Phantasie gesegnete Leo Meier ist einer der begnadetsten Komödienschreiber der jüngsten Zeit. In seinem neuen, gemeinsam mit Emil Borgeest geschriebenen Stück thematisiert er die Einsamkeit als Gesellschaftskrankheit und holt sich seinen Vater als Experten des Alltags auf die Bühne. So wird „Wo sind denn alle?“ zum bisher nachdenklichsten Stück des Autors.
Dietmar Zimmermann, theater:pur, 28.02.2026
Dieses Stück gibt es nirgendwo anders als in der Grafenstadt zu sehen: „Wo sind denn alle“ wurde vom Autorenduo Leo Meier und Emil Borgeest eigens für das Schlosstheater Moers geschrieben und inszeniert. Inhaltlich geht es um zentrale Fragen unserer Zeit: Wie entsteht Gemeinschaft? Wie entsteht Einsamkeit? Was unterscheidet Alleinsein von Vereinsamung? Am Ende der Premiere ein zu Recht langer, heftiger und dankender Schlussapplaus.
Olaf Reifegerste, Rheinische Post, 03.03.2026
Spielort
Schloss, Kastell 9, 47441 Moers